Schleim-Steiger tippt die Fußball-WM: An der Hochschule orakelt ein Schleimpilz
Das Orakel der besonderen Art: An der Hochschule soll ein hirnloser Einzeller die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft vorhersagen und am Ende so gar den Weltmeister. Sieben Studierende aus sechs Ländern der Fakultät Life Sciences haben sich, gemeinsam mit Prof. Dr. Matthias Kleinke, dem besonderen Projekt angenommen.
Bildnachweis: v.l.n.r.: Maryam Malekmohammadikakhki, Bioengineering-Studentin, Prof. Dr. Matthias Kleinke, Professor für Umwelttechnik und Amelia Gusho, Studentin © Hochschule Rhein-Waal
Ganz Deutschland stellt sich angesichts der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft aktuell dieselbe Frage: Wie weit kommt die Nationalmannschaft? Millionen verlassen sich dabei auf Formkurven, Wettquoten oder auf ihr Bauchgefühl. In einem Labor in Kleve setzt man dagegen auf einen gelben Fleck in einer Petrischale. Mit einem Augenzwinkern habe die Studierenden den Fleck Sebastian Schleim-Steiger genannt. Und er soll Deutschland durch die Fußball-WM tippen, Spiel für Spiel, gemeinsam mit seinem Bruder Antonio Rüdi-Glibber, bis am Ende ein Weltmeister feststeht.
Sebastian ist ein Schleimpilz, Physarum polycephalum. Streng genommen ist er kein Pilz, sondern eine einzige große Zelle mit tausenden Zellkernen, ein sogenanntes Plasmodium: eine gelbliche, kriechende Wasserblase mit großem Appetit. Kein Gehirn. Keine Augen. An der Fakultät Life Sciences soll dieses Wesen im Sommersemester leisten, wofür Wettanbieter ganze Serverfarmen beschäftigen. „Ausgerechnet für etwas so Großes wie die Fußball-WM eine Vorhersage zu wagen – das ist eine echte Herausforderung", sagt Tarek Amer aus Kuwait, der Sustainable Agriculture studiert. Über den Schleimpilz habe er vor allem eines ge lernt: dass ihn Größenordnungen völlig kaltlassen. „Er wächst einfach radial, zufällig, in alle Richtungen. Und wo er zuerst ankommt, da bleibt er.“
Doch auch Zufall kann geplant aussehen: 2010 setzte ein Team um den japanischen Forscher Toshiyuki Nakagaki einen Physarum auf eine Karte des Großraums Tokio. An 36 eingezeich neten Bahnhöfen lagen Haferflocken. Der Schleim verband sie und das entstandene Netz äh nelte auf überraschende Weise dem echten Bahnnetz der Stadt, an dem Ingenieur*innen jahr zehntelang gearbeitet hatten. Eine einzelne Zelle, die in wenigen Stunden nachbaute, wofür Menschen Generationen brauchten.
Bildnachweis: Maryam Malekmohammadikakhki, Bioengineering-Studentin, mit Prof. Dr. Matthias Kleinke © Hochschule Rhein-Waal
Sebastian denkt dabei nicht, er optimiert. Wo Nahrung lockt, verstärkt er seine Adern. Wo nichts zu holen ist, zieht er sich zurück. Effizienz als biologische Grundeinstellung, ganz ohne Gehirn. Aus genau diesem Verhalten einen WM-Tipp zu bauen, ist die Aufgabe von Maryam Malekmohammadikakhki, Bioengineering-Studentin aus dem Iran und so etwas wie Schleim Steigers Chefstrategin. Für jedes Spiel nimmt ihr Team die Elo-Zahl beider Mannschaften –ein ursprünglich aus dem Schach stammendes Maß, nach dem inzwischen auch die FIFA ihre Weltrangliste berechnet, neben den unabhängigen World Football Elo Ratings –, verrechnet sie mit den letzten fünf Partien und übersetzt das Ergebnis in Zentimeter. Das stärkere Team wird in Form von Haferflocken näher an den Schleimpilz gebracht, das schwächere weiter weg. Und Sebastian kriecht los. So wird jedes Spiel einzeln entschieden, auch das der deutschen Mannschaft.
„Im Grunde haben wir einen kleinen Biocomputer gebaut“, sagt Malekmohammadikakhki. Einen, der für eine einzige Entscheidung zehn bis zwölf Stunden braucht. Sie würde tatsächlich auf ihn wetten. „Die letzten beiden Vorhersagen waren richtig.“ Wobei sie selbst mehr der Mathematik vertraut als dem Schleim. Tarek Amer hingegen ist eher skeptisch: „Nein. Viel zu zufällig.“ Amelia Gusho aus Albanien hat herausgefunden, was Sebastian antreibt: „Er sucht den kürzesten Weg zum Futter, stoppt sein Wachstum, wenn er satt ist, und reagiert empfind lich auf seine Umgebung. Salz hasst er. Licht mag er auch nicht besonders. Und ehrlich gesagt sieht er beim Wachsen sehr, sehr hübsch aus."
Für Prof. Dr. Matthias Kleinke, Professor für Umwelttechnik, steht bei dem Projekt nicht die Treffgenauigkeit des Schleimpilzes im Vordergrund. „Ein Semester reicht nicht für große Er kenntnisse, aber für etwas anderes: ausprobieren, scheitern, weiterdenken. Lernen kann man auch aus Misserfolgen“, erläutert Kleinke. Für ihn sei es wichtig den Studierenden den Raum zu geben, sich auszuprobieren. „Unser Schleimpilz wächst, wie er will. Niemand weiß genau wie. Und genau das ist das Spannende“, so Kleinke.
Das Turnier geht in die K.o.-Phase. Dann geht es für jede Mannschaft in jedem Spiel um alles. Und während eine ganze Nation rechnet, hofft und diskutiert, kriecht in Kleve ein gelber Klecks durch eine Petrischale – ohne Gehirn, ohne Augen, mit viel Appetit. Als Orakel der besonderen Art.