Gender und Diversity Studies in Corona-Zeiten

Gender und Diversität spielen im Kontext von COVID-19 eine zentrale Rolle: Wie gravierend die Folgen der Pandemie ausfallen, hängt nicht zuletzt von Geschlecht, sozialem Status, ethnischer Zugehörigkeit, Alter und Gesundheitszustand ab, und natürlich auch davon, in welchem Teil der Welt eine betroffene Person lebt.

Gender und Diversity Studies: Intersektionale Herausforderungen im Blick

In den letzten Wochen ist dieser Zusammenhang in Politik, Gesellschaft und Medien zum Thema geworden: Im Zuge der Maßnahmen zur physischen Distanznahme wird bspw. ein Anstieg häuslicher Gewalt konstatiert. Die geschlechterdifferenzierten Herausforderungen der Bewältigung des Spagats zwischen Home-Office und Home-Schooling werden diskutiert. Die schlechten bis prekären Arbeitsbedingungen und die ungerechte Entlohnung von weiblich dominierten Berufsgruppen wie die der Supermarktkassiererin, der Altenpflegerin, der Krankenschwester rücken in den Fokus. Ebenso unter schlechten Arbeitsbedingungen bei niedriger Entlohnung werden die männlich dominierten Lieferdienste erbracht, wobei (auch hier) die Beschäftigten häufig eine Migrationsgeschichte haben. Es wird herausgestellt, dass die Menschen in diesen nunmehr als systemrelevant erkannten Berufen die Gesellschaft zusammenhalten, wie sich gerade in Krisenzeiten zeigt, und kritisiert, dass sie sich dennoch in den unteren und untersten Lohngruppen wiederfinden.

Das Schließen der Tafeln im Zuge des Versammlungsverbotes wiederum betrifft die ärmste Bevölkerungsschicht. Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen sind von den wirtschaftlichen Auswirkungen besonders betroffen. Dies gilt umso mehr für Menschen in besonders vulnerablen Situationen, wie zum Beispiel in Flüchtlingslagern.
Aus dem Ausland kamen Berichte, dass aufgrund struktureller Benachteiligung im US-amerikanischen Gesundheitswesen People of Color überproportional zu den aufgrund von Corona zu beklagenden Toten gehören, oder von Übergriffen auf Transpersonen im Kontext von Ausgangsregelungen in Ländern wie bspw. Panama, bei denen tageweise abwechselnd Männer und Frauen das Haus verlassen dürfen.
Für die Gesundheitssysteme armer Länder stellt die Pandemie eine noch größere Herausforderung dar, ein Umstand, der auch im Kontext kolonialer Gesellschafts- und Ausbeutungsstrukturen gesehen werden kann, die bis heute nachwirken.

Das Zusammenspiel von verschiedenen Ungleichheitskategorien zu erforschen und Beiträge dafür zu liefern, wie die negativen Auswirkungen derselben überwunden werden können, liegt im Kern der transdisziplinären Gender und Diversity Studies. Ziel ist, gleichen Teilhabechancen für alle näher zu kommen. Wie relevant die Zugänge der Disziplin auch im Kontext der COVID-19-Pandemie sind, zeigt sich deutlich an den genannten Themen. Die Hochschule Rhein-Waal hat die Relevanz der Disziplin von Beginn an erkannt und bietet als erste Fachhochschule den Bachelorstudiengang  “Gender and Diversity“ mit starkem Anwendungsbezug an.

Antidemokratische Angriffe auf Gender and Diversity Studies

Gleichzeitig sind Gender and Diversity Studies nicht erst seit der Corona-Krise Zielscheibe von antidemokratischen Angriffen: Krisen erleichtern bekanntermaßen Argumentationen und Wortmeldungen, die emanzipatorische, feministische oder progressive Diskurse als Luxusproblem darstellen. Im Kontext von Corona beförderte bereits Mitte März Cicero-Autor Alexander Kissler das Narrativ, dass an deutschen Universitäten Naturwissenschaften von Politikwissenschaften und Geschlechterstudien dominiert würden, wobei der Journalist durch das Setzen der letztgenannten Disziplinen in Anführungszeichen diesen ihre Wissenschaftlichkeit abspricht. Auch die AfD-Fraktion im Bundestag bedient sich der selektiven  Gegenüberstellung von Pharmazie und Gender Studies im Hinblick auf den vermeintlichen Nutzen, verknüpft mit dem Urteil, die Gender-Professuren könnten „alle weg“ – und verbunden mit der Forderung, deren staatliche Finanzierung einzustellen. Der regelmäßig durch Kritik an den Gender Studies bzw. an geschlechtergerechter Sprache  in Erscheinung tretende Verein Deutsche Sprache verschaffte jüngst mit einem in den Medien breit rezipierten Facebook-Post dem Argument Öffentlichkeit, dass vermeintliche Milliardensummen, die in Deutschland der Erforschung von Geschlecht und der „Geschlechterpolitik“ zur Verfügung stünden, nun den Krankenhäusern und der naturwissenschaftlichen Forschung (darunter der Virologie und Pharmazie) fehlten. Dieses wurde bspw. durch Josef Kraus‘ „Vergesst Corona – Studiert Gender“ auf der Plattform Tichys Einblick aufgegriffen; der Studiengang „Gender and Diversity“ an der Hochschule Rhein-Waal wird hier namentlich genannt.

Nicht nur, dass diese Argumentation auf grotesk unzutreffenden Behauptungen beruht und Zusammenhänge konstruiert, die nicht gegeben sind – sie folgt auch einem bestimmten, hinlänglich bekannten Muster: Sich am zuerst selbst erstellten Zerrbild der Disziplin abzuarbeiten, ermöglicht es, den wirklich wichtigen Fragen auszuweichen (wie der gesellschaftlichen und strukturellen Aufwertung von Sorgearbeit, der gerechten Bezahlung der oben genannten Berufsgruppen, der Orientierung des Gesundheitswesens am Gemeinwohl anstelle finanzieller Gewinnaussichten u. v. a. m.), die an den Grundfesten der eigenen Überzeugungen rütteln könnten.

Die Notwendigkeit einer umfassenden wissenschaftlichen Perspektive in Corona-Krisenzeiten

Daneben verschleiert der alleinige Angriff auf die Geschlechterforschung die Tatsache ihrer Wissenschaftlichkeit und Eingebundenheit in ein weites interdisziplinäres und methodisch kontrolliertes Forschungsfeld. Die Geschlechterforschung ist ein interdisziplinäres Fach, das Theorien und Methoden unterschiedlichster Disziplinen wie Soziologie, Geschichtswissenschaft, Biologie, Politologie, Ökonomie, Medizin usw. vereint und folglich an die methodischen Verfahrensweisen der verschiedenen Disziplinen gekoppelt ist. Das bedeutet, dass Geschlechterforschung stets den Gepflogenheiten der verschiedenen Disziplinen entsprechen muss. Die Kritik gegenüber den Gender Studies bzw. die Absage von Wissenschaftlichkeit weitet sich dementsprechend auf eine Kritik gegenüber den entsprechenden Disziplinen, deren theoretische und methodische Verortung und auf das gesamte Wissenschaftssystem aus.

Somit steht der Angriff auf Geschlechterstudien für eine allgemeine Skepsis gegenüber (nicht nur) den Sozialwissenschaft(en) und Wissenschaft im Allgemeinen, die in letzter Konsequenz Ergebnisse von Forschung nach erwünscht und nicht-erwünscht sortiert und mit ideologischen Überzeugungen gleichsetzt. Vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Krise von bislang ungekanntem und globalem Ausmaß ist eine umfassende Perspektive in den Wissenschaften erforderlich, die nicht nur in den Natur- bzw. Gesundheitswissenschaften erbracht wird, sondern die Gesellschaft und das Zusammenleben als Ganzes untersucht. Das Gebot der Stunde ist daher die Verteidigung von Gender und Diversity Studies und das Einfordern einer kritischen Auseinandersetzung mit denselben – will man das Feld nicht den Rechtspopulisten überlassen, die sich regelmäßig mit der pauschalen Abwertung von Gender Studies hervortun. Wohin es führen kann, wenn solche Vorstöße unerwidert bleiben, zeigt deutlich das Beispiel des EU-Mitgliedstaats Ungarn, das mit dem Verbot der Gender Studies nicht nur Wissenschaft als solche untergräbt, sondern auch die Ideale liberaler Demokratie wie Gleichberechtigung, Toleranz und Minderheitenrechte unterminiert. Es gilt, wie das Präsidium der Hochschule Rhein-Waal mit Bezugnahme auf Giovanni Boccaccio hervorgehoben hat, der „Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen“ und der „Barbarisierung des zivilen Umgangs“ entschlossen entgegenzutreten.