23 Studierende aus zwölf Nationen und ihre Lehrenden an der Mittelmeerküste bei Palavas-les-Flots. Foto: Prof. Dr. Matthias Kleinke

2.200 Kilometer Praxis: Unterwegs mit der Fakultät Life Sciences

Drei Kleinbusse, 23 Studierende aus zwölf Nationen, mehr als 2.200 Kilometer: Die Agrarexkursion der Fakultät Life Sciences führte im September von Lothringen bis in die Camargue.


Unterwegs ging es um die Frage, wie aus Früchten, Senfsaat und Trauben ein Produkt wird. Und darum, wie es ist, eine Woche lang mit Menschen aus zwölf Ländern eine Küche zu teilen.

Mitten in der Nacht heult draußen etwas auf. Ein hoher, schneidender Ton zieht über die dunklen Felder rund um das Gruppenhaus Le Moulin im südfranzösischen Montfrin, irgendwo zwischen Düsenjet und Mähdrescher. „Dabei gab es da draußen doch gar nichts zu mähen“, sagt Matthias Kleinke, Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rhein-Waal, und lacht. Am nächsten Tag ist das Rätsel gelöst: Zweihundert Meter neben der Unterkunft liegt der Betrieb eines Winzers, ringsum stehen Reben. Es ist Mitte September, die Weinlese läuft, und geerntet wird auch im Dunkeln.

Ein paar Tage später werden die Studierenden selbst oben auf diesen Maschinen sitzen. Aber der Reihe nach.

„Begreifen kommt von Greifen“

Wer bei dieser Exkursion mitfährt, tut das freiwillig. Es gibt keine ECTS-Punkte, keine Anwesenheitspflicht wie im Laborpraktikum und am Ende keine Note. Trotzdem sind 23 Studierende in den Semesterferien in die drei Kleinbusse der Hochschule gestiegen. Für Exkursionsleiter Kleinke gehören solche Reisen zum Kern einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. „Begreifen kommt von Greifen“, sagt er. „Man muss Dinge gesehen haben, um sie wirklich zu verinnerlichen.“

Die erste internationale Agrarexkursion der Hochschule führte vor rund fünfzehn Jahren schon einmal in diese Gegend Frankreichs. Danach ging es meist nach Osteuropa, nach Polen, Rumänien, Tschechien, Russland oder Kirgistan, also an Orte, die auf keiner Urlaubsliste stehen. In den polnischen Karpaten konnte man zum Beispiel sehen, wie gelassen die Landwirte dort mit Wölfen umgehen. Im vergangenen Jahr reiste die Gruppe sogar bis nach Benin in Westafrika.

Nach dieser Fernreise sollte es diesmal ohne Flugzeug gehen, mit den eigenen Bussen und dem vorhandenen Budget. Frankreich passte aber auch fachlich. Der Weg ans Mittelmeer führt durch Landschaften, die mit dem Niederrhein wenig gemein haben, und die Stationen lassen sich so legen, dass sie eine ganze Wertschöpfungskette abbilden: vom Anbau auf dem Feld über die industrielle Verarbeitung bis zum Verkauf auf dem Markt.

Mirabellen, Wühlmäuse und Formulare

Die Kette beginnt in Lothringen, in der Nähe von Metz. Die Region liefert rund 70 Prozent der weltweiten Mirabellenernte. Ein kleiner Familienbetrieb baut die Früchte hier an und macht selbst Branntwein, Wein und Konfitüre daraus. Was die Gruppe auf dem Hof zu hören bekommt, steht in keiner Imagebroschüre. Die trockenen Sommer setzen den Bäumen zu, auf den Flächen richten Wühlmäuse Schaden an, und im Büro wächst der Papierkram der europäischen Agrarverwaltung. Eine Exkursion sei eben „keine Kaffeefahrt“, sagt Kleinke. Man wolle die Höfe so sehen, wie sie wirklich sind.

„Es war unheimlich bewegend, wie die Betreiberin sagte, dass sie eigentlich nicht möchte, dass ihre Kinder den Betrieb übernehmen“, erzählt Björn Flockau, der an der Fakultät den akademischen Austausch koordiniert und die Tour mitorganisiert hat. „Man hat gespürt, wie weh ihr das tat. Und gleichzeitig kennt sie die harte Realität ihrer täglichen Arbeit.“

Senf aus kanadischer Saat

Am nächsten Tag folgt das zweite Glied der Kette, die Verarbeitung im großen Stil. Den Halt in Burgund hatte sich Kleinke ausdrücklich gewünscht. „Jeder Mensch kennt Dijon-Senf“, sagt er, „aber zu sehen, wie aus landwirtschaftlichen Gütern in der industriellen Lebensmittelproduktion das fertige Produkt wird, ist eine ganz eigene Erfahrung.“ Bei Reine de Dijon in Fleurey-sur-Ouche, ein paar Kilometer westlich der Stadt, geht die Gruppe durch die Produktion. Danach steht in der Innenstadt La Maison Maille auf dem Programm, das Stammgeschäft der traditionsreichen Senfmarke.

Dabei lernt man auch, dass „Dijon“ beim Senf eine Rezeptur ist und keine Herkunftsangabe. Rund 80 Prozent der Senfsaat, die Frankreichs Hersteller dafür brauchen, kommen aus Kanada. Nur für die „Moutarde de Bourgogne“ muss die Saat aus Burgund stammen. Die Kette, der die Gruppe folgt, beginnt in diesem Fall also auf einem anderen Kontinent.

Nach zwei Nächten in Dijon fahren die Busse weiter nach Süden.

Eine Küche für alle

In Montfrin hat sich die Gruppe aus Kostengründen in einem Selbstversorgerhaus einquartiert. Frieda Rogowski, die im fünften Semester Sustainable Agriculture studiert, schätzt zunächst das Praktische: „Das reduziert den Aufwand enorm, man muss nicht jeden Morgen seinen Koffer packen.“

Wichtiger wird aber die Küche. Die 23 Studierenden kommen aus zwölf Ländern, sie sind im ersten bis neunten Semester, im Bachelor oder im Master, dazu kommen einige Gäste aus anderen Fakultäten. Jeden Abend kocht ein anderes, bunt gemischtes Team für rund dreißig Leute. Es gibt vegetarisch, vegan, halal und mit Fleisch, und satt werden sollen alle. Rogowski sucht im französischen Supermarkt vergeblich nach ihren gewohnten Hefeflocken, während Lehrende, die sonst gern Fleisch essen, wie selbstverständlich vom veganen Gericht nehmen. „Man hat da mit sehr viel Rücksicht und Offenheit Lösungen gefunden, und es hat immer gut geschmeckt“, sagt Kleinke. Allerdings hätten sich „sehr unterschiedliche Effizienzen im Ablauf“ gezeigt, fügt er schmunzelnd hinzu, „vom Einkaufen bis zum Tischdecken. Manchmal dauert es ein bisschen länger, und manchmal geht es ganz schnell.“

Rogowski teilt sich ihr Zimmer mit Mitreisenden aus Israel und den USA. „In der Uni wird das manchmal nur kurz angeschnitten, man fragt vielleicht mal, woher kommst du oder was hast du als Essen dabei“, sagt sie. „Aber wenn man sich für eine Woche ein Zimmer mit Leuten von einem ganz anderen Kontinent teilt, werden einem Unterschiede und Gemeinsamkeiten viel eher bewusst, als wenn man nur in der Vorlesung nebeneinandersitzt.“

Forschung am Mittelmeer

Was abends in der Küche beginnt, geht tagsüber bei den Fachbesuchen weiter. Am Donnerstag fährt die Gruppe nach einem Halt an der römischen Aquäduktbrücke Pont du Gard nach Montpellier zum CIRAD, dem französischen Zentrum für Agrarforschung in der Entwicklungszusammenarbeit. Am Freitag folgt die Versuchsstation des Meeresforschungsinstituts IFREMER in Palavas-les-Flots, direkt an der Küste. Dort geht es um Fischzucht und den Schutz der Meere. Anschließend besichtigt die Gruppe die Kathedrale von Maguelone und die Weinberge, die sie umgeben.

Bei solchen Terminen stehen Agrarstudierende neben Kommilitoninnen und Kommilitonen aus den Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften, und jede Gruppe stellt andere Fragen. „Die Leute wundern sich erst: Was machen denn die in dem anderen Studiengang überhaupt? Und plötzlich diskutieren sie übergreifend über gesellschaftliche und technische Zusammenhänge“, sagt Kleinke. Auch die Herkunft spielt mit, ergänzt Flockau: „Jemand, der in Israel oder Mexiko aufgewachsen ist, hat eine ganz andere Bewertung von Produktionsprozessen in Frankreich als jemand, der in Deutschland groß geworden ist.“

Auf dem Vollernter

Am Samstag ist dann der Winzer an der Reihe, dessen Maschinen die Gruppe nachts wachgehalten haben. Studierende und Lehrende klettern auf die dröhnenden Vollernter und fahren mit durch die Rebzeilen. „Wir durften auf den Erntegeräten mitfahren und sahen direkt vor Ort, wie die Trauben, die gerade frisch vom Feld kamen, gemaischt und gepresst wurden“, erzählt Flockau. Ein Spitzenweingut ist der Betrieb nicht, hier wird regionaler Wein maschinell und ohne großes Aufheben gemacht. Gerade deshalb ist der Einblick so unverstellt: Ernte und Verarbeitung liegen nur ein paar hundert Meter auseinander.

Rogowski hatte sich davon nicht viel versprochen. „Die Weinproduktion hielt ich vorher eigentlich für ganz langweilig“, gibt sie zu. „Aber dann war es doch spannend, sich die verschiedenen Fermentationsstufen anzuschauen und zu probieren. Und auf diesen riesigen Monstern von Wein-Vollernter mitzufahren, war ziemlich cool.“

Bleibt das letzte Glied der Kette, der Verkauf. Ebenfalls am Samstag zieht die Gruppe über den Wochenmarkt in Arles, einen der größten der Provence.

Reis neben Flamingos

Am Sonntag geht es in die Camargue, zur Maison du Riz bei Albaron, einem kleinen Museum über den Reisanbau im Rhônedelta, und weiter in den Regionalen Naturpark. Dort grenzen Reisfelder an Schutzgebiete, in denen Flamingos stehen und weiße Camargue-Pferde grasen. Landwirtschaft und Naturschutz müssen sich hier auf engem Raum arrangieren. „Wir machen an der Fakultät ja nicht nur Landwirtschaft, sondern betrachten Landnutzung immer auch vor ihrem kulturellen und natürlichen Hintergrund“, sagt Kleinke.

Am Montagmorgen beginnt die lange Rückfahrt über Metz, im Gepäck ein paar Kartons Wein vom Nachbarwinzer. Unterwegs gibt es eine Reifenpanne, die Stimmung hält trotzdem. Gegen 22 Uhr rollen die Busse auf den Campus in Kleve.

Der Aufwand ist groß, organisatorisch wie finanziell, und die Kassen sind knapp. Warum also immer wieder? „Wenn jemand meiner Vorlesung folgt, finde ich es nicht schlimm, wenn er irgendwann die vierte oder sechste Sitzung vergessen hat“, sagt Kleinke. „Aber ich weiß noch genau aus meiner eigenen Studienzeit, woran ich mich erinnere: Das sind die Exkursionen. Unser Idealziel ist, dass die Studierenden sich auch in dreißig Jahren noch positiv an diese Woche erinnern.“

Autor*in
Stephan Hanf